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Was sind Aminosäuren – und warum eine Infusion den Unterschied machen kann

 

„Vitamin C Infusion? Klar, kenn ich!“

„Magnesium intravenös? Hab ich mal bekommen.“

„Aber… Aminosäuren i.v.? Wofür denn das bitte? Ich ess doch genug Protein!“

 

Genau das höre ich oft. Und genau hier beginnt die Verwirrung – oder besser gesagt: die unterschätzte Chance in der modernen Medizin.

🧬

Aminosäuren – Bausteine des Lebens, Botenstoffe der Gesundheit

 

Aminosäuren sind nicht einfach nur Bausteine für Muskeln. Sie sind:

  • Enzymträger (also das, was Stoffwechsel überhaupt erst ermöglicht),
  • Neurotransmitter-Vorstufen (z. B. Serotonin aus Tryptophan),
  • Hormonmodulatoren (Arginin steigert z. B. Insulin und Wachstumshormon),
  • Immunbooster (z. B. Glutamin für Leukozyten und Darmbarriere),
  • Antioxidantien-Vorstufen (z. B. Cystein als Schlüssel für Glutathion).

 

Ohne Aminosäuren läuft kein einziger Regenerationsprozess im Körper. Und doch sehen wir in der Praxis immer wieder: Die Speicher sind leer – auch wenn Eiweiß gegessen wird.

📉

Warum es trotz Proteinmengen zu Aminosäurenmangel kommt

 

Viele glauben, dass 100 g Hähnchen pro Tag reichen. Aber:

  1. Nicht alles, was gegessen wird, kommt an.

Reizdarm, stille Entzündungen, Leaky Gut, chronischer Stress oder Medikamente wie PPIs (Magenschutz) können die Resorption stören.

  1. Nicht alles, was ankommt, wird verarbeitet.

Ein Mangel an Co-Faktoren wie B-Vitaminen oder Zink blockiert die Weiterverwertung.

  1. Nicht jeder Bedarf ist gleich.

Bei Entzündungen, Verletzungen, intensiver sportlicher Belastung oder hormonellem Stress steigt der Verbrauch rasant. Manche Menschen verbrennen Aminosäuren schneller, als sie sie aufnehmen können.

  1. Kritische Aminosäuren fehlen besonders oft – wie:
    • Glutamin (Darm, Immunzellen),
    • Cystein (Glutathion, antioxidativer Schutz),
    • Arginin (Gefäßschutz, Regeneration),
    • BCAAs (Leucin, Isoleucin, Valin – wichtig bei Erschöpfung, Muskelschwäche),
    • Glycin (Schlaf, Leberentgiftung, entzündungshemmend).

 

Ich teste regelmäßig die Aminosäuren im Blut meiner Patient:innen – und finde nicht nur „essentielle“ Defizite, sondern auch funktionelle Mängel an Glutamin, Glycin, Arginin oder Cystein, selbst bei scheinbar gesunder Ernährung. Und genau hier setzt die Infusion an.

💉

Warum eine Infusion mehr kann als Tabletten oder Shakes

 

Orale Einnahme: Der Körper muss die Aminosäuren zuerst verdauen, aufnehmen, umbauen – und verliert dabei einen Teil.

 

Intravenöse Gabe:

  • 100 % Bioverfügbarkeit
  • Sofort verfügbar in Blut und Gewebe
  • Gezielte Wirkspiegel, die mit Ernährung allein nie erreicht werden können

 

➡️ Das ist keine Wellness-Spielerei.

➡️ Das ist medizinisch effektive Therapie, wie viele Studien zeigen (siehe Teil 2).

⚠️ Und was viele nicht wissen:

 

Aminosäuren wirken wie Medikamente – aber sind körpereigen.

 

Das bedeutet:

  • Kaum Nebenwirkungen,
  • Regulativ statt blockierend,
  • Unterstützend für Selbstheilung & Zellfunktion.

 

Wenn ich z. B. sehe, dass jemand trotz guter Ernährung schwach bleibt, ständig erkältet ist, schlecht schläft oder nach Sport nicht regeneriert – dann ist eine gezielte Aminosäuren-Infusion oft der fehlende Hebel.

 

Was die Studien zeigen – Aminosäuren-Infusion als echte therapeutische Medizin

 

Viele denken, Aminosäuren i.v. sei “Nice-to-have”, ein Add-on für Biohacker oder Leistungssportler.

Aber die Wissenschaft zeigt ein anderes Bild:

 

🧬 Aminosäuren können gezielt wie Medikamente wirken – und das mit körpereigenen Bausteinen.

Die Studienlage ist breit und eindrucksvoll. Ich habe dir hier die klinisch relevantesten Effekte zusammengefasst:

🔬 1.

Glutamin i.v. senkt Entzündungen & schützt Zellen

 

Meta-Analyse, Cochrane 2014 (Tao et al.):

  • 53 RCTs, 4671 Patienten
  • Glutamin i.v. reduziert Infektionsrate um 21 %
  • Krankenhausaufenthalt um 3,5 Tage kürzer
  • Keine erhöhte Mortalität

 

✅ Bedeutung: Glutamin schützt Darmbarriere, Immunsystem, Mikrozirkulation – ideal bei Erschöpfung, Stress oder nach OP .

🛡️ 2.

Cystein i.v. erhöht Glutathion – das Master-Antioxidans

 

Studie (Calkins et al., 2016):

  • 121 mg/kg/Tag Cystein-HCl i.v.
  • Glutathionspiegel (GSH) stiegen signifikant (p = 0.02)

 

✅ Bedeutung: Cystein ist limitierender Faktor für Glutathion, den wichtigsten zellulären Schutzstoff.

Viele reden über Vitamin C – aber Cystein entscheidet, wie gut deine Abwehr funktioniert .

🩸 3.

BCAA-Infusion steigert Muskelmasse & Albumin

 

RCT (Dumrongsukit et al., 2024):

  • Dialysepatient:innen mit 7.2 % BCAA-Lösung (Leucin, Isoleucin, Valin)
  • Serumalbumin ↑ (p = 0.001)
  • Muskelmasse ↑ (p = 0.03)

 

✅ Bedeutung: Bei starker Erschöpfung, Muskelschwund, chronischer Erkrankung oder nach Verletzung können BCAAs i.v. gezielt Proteinaufbau aktivieren .

⚙️ 4.

Aminosäuren-Infusion: 100 % Bioverfügbarkeit, 0 % Verdauungsverlust

 

Studie (Boullata et al., 2014 – JPEN Guidelines):

  • v.-Gabe: höchste Stabilität & Aufnahme
  • Schnellste Plasmaspiegel – ideal für Therapie

 

✅ Bedeutung: Bei Magen-Darm-Problemen, schlechter Aufnahme, Stress oder chronischer Entzündung ist i.v.-Gabe oft der einzige Weg, um Defizite schnell auszugleichen .

💪 5.

Arginin i.v. wirkt gefäßaktivierend & hormonstimulierend

 

Studie (Suppli et al., 2025):

  • Arginin steigert Glucagon & Insulin
  • Aktiviert anabole Prozesse (Muskelaufbau, Zellreparatur)
  • Gefäßfunktion verbessert (NO-Produktion)

 

✅ Bedeutung: Arginin i.v. ist ein echter Stoffwechselaktivator, kein reiner Nährstoff .

🧠 6.

Glycin i.v. reduziert Entzündung & schützt Leber & Gehirn

 

HEGPOL-Trial (Luntz et al., 2005):

  • Nach Lebertransplantation: AST/ALT-Werte signifikant gesenkt
  • Bessere Überlebensrate

 

Meta-Review (Soh et al., 2023):

  • Glycin verbessert Schlaf, Nervenregeneration, Zellschutz

 

✅ Bedeutung: Glycin hat systemische Wirkung – anti-aging, entzündungshemmend, beruhigend – oft unterschätzt .

🛠️ 7.

Glutamin reduziert postoperative Infektionen um >60 %

 

RCT (Estivariz et al., 2008 – JPEN):

  • Glutamin-Dipeptid i.v. (0.5 g/kg)
  • Infektionen ↓ 64 %
  • Pneumonien ↓ 62 %

 

✅ Bedeutung: Glutamin kann bei OP-Vorbereitung oder Immunschwäche gezielt eingesetzt werden, als echte Prävention .

🔋 8.

Aminosäuren + Insulin aktivieren anabolen Schalter

 

Studie (Codère-Maruyama et al., 2016):

  • Aminosäuren + Normoglykämie aktivierten Proteinsynthese nach Herz-OP

 

✅ Bedeutung: Kombination aus Aminos & metabolischer Steuerung (z. B. nach Fasten, OP oder Crash) bringt Körper wieder in Aufbaumodus .

🧩 9.

Bei Sport, Stress, Krankheit: Der Körper verbrennt mehr Aminosäuren, als er hat

 

In Studien zeigt sich immer wieder:

  • Nach OPs, in Sepsis, bei Dialyse oder chronischer Entzündung sinken Aminosäuren-Werte rapide.
  • Gleichzeitig steigt der Bedarf an Zellregeneration, Immunschutz & Reparatur.

 

Und das ist keine Frage von „ausgewogener Ernährung“, sondern von:

🔸 Zugang zu Zellen,

🔸 Verfügbarkeit im richtigen Moment,

🔸 und gezielter Anwendung.

 

 

Wie ich Aminosäuren-Infusionen in der Praxis einsetze – gezielt, individuell, evidenzbasiert

 

Wenn Menschen zum ersten Mal von einer Aminosäuren-Infusion hören, fragen sie oft:

 

„Aber kann ich nicht einfach mehr Eiweiß essen?“

 

Oder:

 

„Ich nehme doch schon BCAAs im Shake … warum dann Infusion?“

 

Die kurze Antwort:

Weil i.v.-Infusionen ein therapeutisches Werkzeug sind – und kein Nahrungsergänzungsmittel.

🩺

Wann ich Aminosäuren i.v. einsetze

 

Ich greife zur Infusionstherapie, wenn …

  • klinische Symptome bestehen: z. B. Fatigue, Muskelschwund, schlechte Regeneration, Infektanfälligkeit, Schlafstörungen, hormonelle Dysbalancen
  • Mangel im Aminosäuren-Blutprofil sichtbar ist: viele Patient:innen haben trotz “normaler Ernährung” Defizite, z. B. bei Glutamin, Cystein, Glycin, Arginin oder BCAAs
  • Aufnahmestörungen bestehen: z. B. bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen, Reizdarm, Gastritis, Zöliakie, SIBO etc.
  • der Bedarf erhöht ist, z. B. bei:
    • Sportlern mit hohem Umsatz
    • Menschen mit chronischer Entzündung oder Autoimmunerkrankungen
    • nach Operationen oder Infekten
    • bei älteren Menschen mit kataboler Stoffwechsellage

🧬

Diagnostik vor Therapie – warum ich nicht blind infundiere

 

Vor einer Aminosäureninfusion steht in meiner Praxis fast immer:

  • eine gezielte Anamnese: Symptome, Lebensstil, Ernährung, Training, Stressbelastung, Schlaf, Medikamente
  • eine Blutanalyse, insbesondere:
    • Aminosäurenprofil im Vollblut
    • Entzündungsmarker
    • Glutathionstatus
    • B-Vitamine, Mikronährstoffe, Leber- & Nierenwerte
  • eine Zieldefinition: z. B. Regeneration, Zellschutz, Leistungssteigerung, Immunaufbau, hormonelle Balance

 

Nur so weiß ich, welche Aminosäuren sinnvoll sind, in welcher Dosierung und mit welchem Ziel.

💉

Ablauf der Infusion

 

Eine Aminosäureninfusion dauert je nach Mischung 45 bis 90 Minuten.

Ich achte auf eine langsame, kontrollierte Gabe, um die Bioverfügbarkeit maximal zu nutzen und Nebenwirkungen zu vermeiden.

 

Die Aminosäuren, die ich häufig einsetze:

  • Glutamin – Zellschutz, Darmbarriere, Immunfunktion
  • Glycin – Nervensystem, Entzündung, Schlaf
  • Cystein – Glutathion-Bildung, antioxidativer Schutz
  • Arginin – Durchblutung, Regeneration, Hormonachse
  • BCAA (Leucin, Isoleucin, Valin) – Muskelaufbau, Energie
  • Ornithin, Prolin, Alanin, Methionin – je nach Stoffwechsellage

 

Ich kombiniere sie individuell, ggf. mit Mikronährstoffen wie Magnesium, B-Vitaminen, Carnitin oder Glutathion.

🔁

Wie oft ist eine Gabe sinnvoll?

 

Je nach Zielzustand empfehle ich:

  • Akut-Therapie: 1–3 Infusionen pro Woche für 2–4 Wochen
  • Erhaltung: alle 4–6 Wochen, z. B. bei Leistungssport, Stress oder chronischer Erkrankung
  • Vor & nach OP: prä- und postoperativ zur Stärkung von Regeneration & Immunsystem

 

Immer in Kombination mit Ernährung, Bewegung, Mikronährstoffoptimierung und individueller Beratung.

🌱

Ich will keine Dauer-Infusion, sondern einen nachhaltigen Effekt

 

Wichtig: Ich sehe Aminosäuren-Infusion nicht als Dauerlösung.

 

Mein Ziel ist immer:

  • Mangel auffüllen ✅
  • Stoffwechsel neu kalibrieren ✅
  • Energieachsen aktivieren ✅
  • und langfristig auf eigene Regulation umstellen

 

Deshalb kombiniere ich Infusionstherapie immer mit Ursachenanalyse und ganzheitlicher Begleitung.

💬 Fazit:

Aminosäuren i.v. sind keine Lifestyle-Infusionen, sondern medizinisch wertvolle Werkzeuge – evidenzbasiert, bioverfügbar, gezielt einsetzbar.

 

Ob bei Stress, Infektanfälligkeit, Entzündung, Leistungseinbruch oder Erschöpfung:

Sie liefern, was dein Körper in Krisen am dringendsten braucht – direkt dorthin, wo es zählt: in die Zellen.

Quellen

  1. Wang, J. et al. (2024). Effect of high-dose intravenous amino acid infusion after gastrointestinal tumor surgery. International Journal of Surgery.

    https://doi.org/10.1016/j.ijsu.2024.107302

  2. Barone, M. (2023). Effect of glutamine dipeptide on postoperative complications: A meta-analysis. Eurasian Journal of Medicine and Oncology.

    https://doi.org/10.14744/ejmo.2023.43678

  3. Tao, K. M. et al. (2014). Glutamine supplementation for critically ill adults. Cochrane Database of Systematic Reviews.

    https://doi.org/10.1002/14651858.CD010050.pub2

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    https://doi.org/10.1093/ckj/sfac225

  5. Estivariz, C. F. et al. (2008). The role of parenteral glutamine supplementation in critical illness. JPEN.

    https://doi.org/10.1177/0148607108322403

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    https://doi.org/10.1152/ajpregu.00334.2016