Östrogendominanz bei Frauen – die stille Pandemie, die nicht mal eine Schul-medizinische Diagnose ist:
Viele Frauen funktionieren.
Sie arbeiten, organisieren, halten durch.
Und doch gibt es diese Tage im Zyklus,
an denen alles kippt:
Stimmung, Schlaf, Brust, Bauch, Kopf.
Oft heißt es dann:
„Ihre Hormonwerte sind im Normbereich.“
Und trotzdem fühlt sich der Körper nicht im Gleichgewicht an.
Östrogendominanz ist kein offizieller ICD-Code.
Aber sie ist ein real erlebtes, weit verbreitetes Muster –
und sie nimmt zu.
Nicht, weil Frauen sensibler werden.
Sondern weil sich Biologie und moderne Lebensrealität immer weiter voneinander entfernen.
Was mit „Östrogendominanz“ eigentlich gemeint ist
Östrogendominanz bedeutet nicht automatisch:
„Zu viel Östrogen im Blut.“
In der Praxis geht es meist um etwas anderes:
👉 Das Verhältnis zwischen Östrogen und Progesteron stimmt nicht mehr.
Sehr häufig liegt kein absolutes Östrogenproblem vor,
sondern ein relatives Progesterondefizit.
Warum das entscheidend ist, versteht man erst,
wenn man den Zyklus zeitlich denkt – nicht statisch.
Warum so viele Frauen betroffen sind – und warum es oft niemand benennt
Vielleicht fragen Sie sich beim Lesen:
Warum höre ich davon so selten, wenn es sich doch so vertraut anfühlt?
Das liegt nicht daran, dass dieses Thema unwichtig ist.
Sondern daran, dass es zwischen die Systeme fällt.
Denn Östrogendominanz entsteht häufig dort,
wo unsere heutige Medizin an ihre Grenzen kommt:
-
wenn Symptome da sind, aber keine klare Diagnose
-
wenn Werte „normal“ sind, aber das Erleben es nicht ist
-
wenn Wirkung entsteht, ohne dass sie im Blut sichtbar wird
Das macht dieses Muster schwer greifbar –
und für viele Frauen lange verwirrend.
Nicht, weil sie sich täuschen.
Sondern weil das, was aus dem Gleichgewicht geraten ist,
zeitlich, relational und systemisch wirkt.
Östrogen und Progesteron – kein Gegeneinander, sondern ein Team
Östrogen
Östrogen ist das Aufbau- und Aktivierungshormon.
Es:
-
baut die Gebärmutterschleimhaut auf
-
fördert Zellteilung
-
macht Gewebe weicher
-
wirkt anregend auf Stimmung und Wahrnehmung
Östrogen steigt in der ersten Zyklushälfte,
mit einem Höhepunkt vor dem Eisprung.
Progesteron
Progesteron ist das Beruhigungs- und Ordnungshormon.
Es:
-
stabilisiert die Schleimhaut
-
wirkt angstlösend und schlaffördernd
-
unterstützt innere Ruhe
-
„erdet“ das Nervensystem
Progesteron entsteht nur nach dem Eisprung
im sogenannten Gelbkörper.
👉 Kein Eisprung = kein echtes Progesteronfenster.
Und genau hier beginnt das Problem.
Östrogen und Progesteron aus anthroposophischer Anschauung
Östrogen – das fließende, verbindende Prinzip
Östrogen steht anthroposophisch für:
- Fließen
- Weite
- Durchlässigkeit
- Beziehung
- Formbarkeit
Man könnte sagen: 👉 Östrogen ist wie Wasser.
Es macht Gewebe:
- weich
- saftig
- aufnahmefähig
- flexibel
Es öffnet Räume – im Körper wie im Erleben.
- Empfindsamkeit
- Kontaktfreude
- Offenheit
- Mitfühlen
- Wahrnehmung von Stimmungen (innen & außen)
Das ist an sich nichts Negatives. Im Gegenteil: Es ist eine essentielle weibliche Kraft.
Problematisch wird es, wenn diese Qualität nicht mehr begrenzt wird.
Dann wird aus Fluss → Überflutung aus Offenheit → Reizüberflutung aus Empfindsamkeit → Überempfindlichkeit
Typische Erlebensmuster bei „zu viel Östrogenwirkung“:
- Gefühle kommen ungefiltert an
- Reize gehen „unter die Haut“
- Der Körper hält Wasser, Spannung, Fülle
- Grenzen verschwimmen – körperlich wie emotional
Viele Frauen beschreiben das nicht als Schmerz, sondern als „zu viel von allem“.
Progesteron – das strukturierende, haltende Prinzip
Progesteron ist anthroposophisch das Gegenprinzip – nicht als Feind, sondern als notwendige Ergänzung.
Es steht für:
- Begrenzung
- Form
- Sammlung
- Innere Ordnung
- Schutz
👉 Wenn Östrogen Wasser ist, dann ist Progesteron das Gefäß.
Es sorgt dafür, dass:
- das Fließende eine Form bekommt
- das Empfundene integriert werden kann
- Reize nicht überwältigen
- der Körper „bei sich bleibt“
Auf der Nervenebene bedeutet Progesteron:
- Beruhigung
- Erdung
- Schlafbereitschaft
- Stressfilter
Auf der seelischen Ebene:
- innere Stabilität
- Abgrenzungsfähigkeit
- Ruhe im Erleben
- das Gefühl von „Ich bin getragen“
Ohne Progesteron fehlt nicht nur ein Hormon – es fehlt Halt.
Doch ohne das ordnende Gegengewicht von Progesteron verliert dieses Fließen seine Form.
Dann wird aus Fluss → Überflutung aus Wahrnehmung → Reizüberlastung aus Weichheit → Spannung ohne Entladung
Der Körper ist nicht „hart“ – er ist zu offen.
Das innere Erleben bei Östrogendominanz
Viele Frauen beschreiben keinen dramatischen Schmerz, sondern einen Zustand wie:
„Ich bin ständig offen – aber nirgends gehalten.“
Physiologisch und seelisch zeigt sich das als:
- Wahrnehmung hoch
- Empfindsamkeit hoch
- innere Spannung hoch
- innere Begrenzung niedrig
Oder einfacher:
- alles kommt rein
- nichts wird richtig abgepuffert
Der Körper fühlt sich dabei oft paradox an:
- weich und gespannt
- sensibel und überladen
- emotional offen und schnell erschöpft
Typische Sätze von Frauen mit Östrogendominanz
Nicht übertrieben. Nicht dramatisch. Sondern ehrlich:
- „Ich bin schneller überfordert als früher.“
- „Ich schlafe, aber erhole mich nicht richtig.“
- „Alles geht mir näher – Geräusche, Menschen, Stimmungen.“
- „Mein Körper fühlt sich irgendwie ‚voll‘ an.“
- „Ich halte Wasser, nehme leichter zu.“
- „Kurz vor der Periode bin ich emotional schneller drüber.“
Nicht, weil diese Frauen instabil sind. Nicht, weil sie „zu sensibel“ sind.
Sondern weil das haltende, sammelnde Prinzip fehlt.
Die Essenz in einem Bild
Östrogen ist wie ein weit geöffnetes Fenster. Progesteron ist das stabile Haus.
Östrogendominanz bedeutet:
Das Fenster steht offen – aber die Wände sind zu dünn.
Der Wind kommt rein. Das Licht kommt rein. Die Geräusche kommen rein.
Aber es gibt keinen geschützten Raum mehr, in dem das Erlebte sich setzen kann.
Warum Östrogendominanz heute so häufig ist
Viele Frauen haben:
-
späte Eisprünge
-
unregelmäßige Zyklen
-
oder Zyklen ohne Eisprung
Der Zyklus sieht von außen „da“ aus.
Aber hormonell fehlt der zweite Akt.
Die Folge:
-
Östrogen wirkt weiter
-
Progesteron fehlt
-
das Verhältnis kippt
Das zeigt sich typischerweise als:
-
PMS
-
Brustspannen
-
Wassereinlagerungen
-
Reizbarkeit
-
schlechter Schlaf
-
stärkere oder schmerzhafte Blutungen
Das große Mess-Dilemma in der Gynäkologie
Hormone sind zeitabhängig.
Und doch werden sie oft gemessen, als wären sie konstant.
Das Problem:
-
Progesteron wird zu früh gemessen
-
Zyklen werden pauschal als „28 Tage“ angenommen
-
Eisprung wird nicht überprüft
Ein Progesteronwert kann:
-
„normal“ erscheinen,
-
obwohl kein ausreichender Eisprung stattgefunden hat
Oder:
-
„niedrig“ sein,
-
obwohl nur der Zeitpunkt falsch gewählt wurde
👉 Einzelwerte ohne Zykluskontext sind wenig aussagekräftig.
Entscheidend ist:
-
Wann wurde gemessen
-
ob ein Eisprung stattgefunden hat
-
und wie sich Progesteron und Östrogen zueinander verhalten
Nicht die Referenz allein,
sondern das Verhältnis.
Warum Östrogendominanz keine Diagnose ist
Warum kaum jemand von Östrogendominanz spricht – und warum sie trotzdem existiert
Östrogendominanz ist keine offizielle medizinische Diagnose.
Es gibt dafür:
-
keinen ICD-Code
-
keine klare Grenzwertdefinition
-
keine Leitlinien-Therapie
Und genau deshalb wird sie im medizinischen Alltag selten benannt.
Die moderne Endokrinologie arbeitet vor allem mit:
-
Einzelhormonwerten
-
Referenzbereichen
-
klar abgrenzbaren Krankheitsbildern
Östrogendominanz passt dort schlecht hinein, weil sie:
-
relativ ist (Verhältnis, nicht Absolutwert)
-
zyklusabhängig ist
-
stark vom Nervensystem, Stoffwechsel und Umwelt beeinflusst wird
Ein Wert kann „normal“ sein,
und trotzdem wirkt das System unausgeglichen.
Für die Gynäkologie ist das kein Versäumnis,
sondern eine Grenze des Modells.
Was nicht klar messbar, zeitlich eindeutig und therapierbar ist,
wird medizinisch oft nicht als Diagnose geführt.
Das bedeutet aber nicht,
dass das Erleben der Frauen nicht real ist.
Östrogendominanz ist deshalb kein klassisches Krankheitsbild,
sondern ein funktionelles Muster –
sichtbar im Zyklus, im Nervensystem, im Alltag.
Und genau hier beginnt die Ergänzung durch eine systemische, zeitliche und ganzheitliche Betrachtung.
Warum Progesteron so viel mehr ist als ein Zyklushormon
Progesteron wirkt nicht nur im Unterbauch.
Im Gehirn wird ein Teil davon zu Allopregnanolon umgebaut –
einem Neurosteroid, das das GABA-System aktiviert.
GABA ist das wichtigste Beruhigungssystem des Nervensystems.
Wenn Progesteron fehlt:
-
wird Schlaf flacher
-
Stress wird lauter
-
Reize werden schwerer gefiltert
-
Emotionen schwanken stärker
Viele PMS-Symptome sind deshalb neurobiologisch erklärbar,
nicht „psychisch“.
PCOS und Endometriose – mehr als lokale Erkrankungen
PCOS
PCOS ist häufig verbunden mit:
-
Insulinresistenz
-
gestörter Ovulation
-
unzureichender Progesteronbildung
Auch hier entsteht oft eine funktionelle Östrogendominanz,
nicht zwingend durch zu viel Östrogen,
sondern durch fehlende zyklische Balance.
Endometriose
Endometriose zeigt zunehmend:
-
entzündliche
-
immunologische
-
progesteronresistente Muster
Viele Betroffene haben „normale“ Blutwerte
und dennoch massive Symptome.
Das erklärt, warum rein hormonunterdrückende Strategien
oft nicht nachhaltig helfen.
Die Pille, das Absetzen und warum sich viele Frauen hormonell nicht mehr wie früher fühlen
Die Pille gilt in der Schulmedizin als schnelle, zuverlässige Lösung.
Für Verhütung. Für Akne. Für Zyklusbeschwerden.
Kurzfristig kann sie entlasten.
Langfristig wirft sie jedoch Fragen auf – besonders nach dem Absetzen.
Du wirst gleich verstehen, warum ich als Arzt viel vorsichtiger bin, bei der Verschreibung der Pille.
Viele Frauen berichten dann nicht von einem dramatischen Zusammenbruch, sondern von etwas Subtilem:
-
der Zyklus kommt zurück, aber wirkt „flach“
-
PMS ist stärker als früher
-
Schlaf und Stimmung kippen vor der Periode
-
die zweite Zyklushälfte fühlt sich instabil an
Nicht extrem.
Aber anders als vor der Pille.
Was die Wissenschaft dazu tatsächlich sagt
Wichtig und ehrlich:
👉 Es gibt keinen klaren wissenschaftlichen Beweis, dass Frauen nach dem Absetzen der Pille dauerhaft zu hohe Östrogenspiegel entwickeln.
Aber es gibt gut belegte physiologische Übergangsphasen.
Studien zeigen:
-
Nach dem Absetzen kombinierter oraler Kontrazeptiva braucht die Hypothalamus-Hypophysen-Ovar-Achse Zeit, um sich neu einzupendeln.
-
In dieser Zeit sind unregelmäßige Zyklen, ausbleibende oder verspätete Eisprünge häufig.
-
Solange kein stabiler Eisprung stattfindet, bleibt die körpereigene Progesteronproduktion niedrig.
Das ist kein Defekt.
Das ist Biologie.
Warum sich das wie Östrogendominanz anfühlen kann
Die Pille unterdrückt den Eisprung konsequent.
Und damit auch die körpereigene Progesteronbildung.
Nach dem Absetzen passiert häufig Folgendes:
-
Östrogen beginnt wieder zyklisch anzusteigen
-
Progesteron hinkt hinterher, weil der Eisprung noch instabil ist
Das Ergebnis ist kein pathologisch erhöhtes Östrogen.
Sondern ein relatives Ungleichgewicht.
Physiologisch betrachtet heißt das:
-
stimulierende Signale (Östrogen) sind da
-
beruhigende, stabilisierende Signale (Progesteron) fehlen noch
Viele Frauen erleben das als:
-
innere Unruhe vor der Periode
-
empfindliche Brust
-
flacheren Schlaf
-
stärkere emotionale Reaktionen
Nicht krankhaft.
Aber spürbar.
Warum Progesteron nach der Pille oft lange „leise“ bleibt
Progesteron entsteht nicht auf Kommando.
Es ist das Ergebnis eines gut getakteten Eisprungs.
Je nach Frau kann es dauern, bis:
-
die LH-Pulse wieder sauber kommen
-
der Eisprung zuverlässig stattfindet
-
der Gelbkörper stabil genug Progesteron produziert
Aus physiologischer Sicht ist deshalb plausibel:
-
dass Progesteron nach der Pille oft langsamer zurückkehrt als Östrogen
-
dass sich die zweite Zyklushälfte lange instabil anfühlen kann
Das heißt nicht, dass Progesteron „nie wieder“ ansteigt.
Aber es erklärt, warum es sich für manche Frauen lange nicht mehr so anfühlt wie früher.
Ein kritischer, aber fairer Punkt
Die Pille ist kein harmloses Hautmedikament.
Sie ist ein tiefgreifender Eingriff in die hormonelle Selbstregulation.
Aus physiologischer Sicht ist es nachvollziehbar:
-
dass ein Körper, der über Jahre keinen Eisprung „üben durfte“
-
Zeit braucht, um diese Fähigkeit wieder stabil zu erlernen
Das ist kein Vorwurf an Frauen.
Und kein pauschaler Angriff auf die Gynäkologie.
Aber es ist ein Plädoyer dafür:
👉 die Phase nach dem Absetzen ernst zu nehmen
👉 Symptome nicht vorschnell zu bagatellisieren
👉 und nicht sofort wieder hormonell zu überdecken
Anthroposophische Perspektive – Rhythmus statt Gegenspiel
Anthroposophisch betrachtet lebt der weibliche Zyklus von:
-
Rhythmus
-
Wärme
-
innerer Ordnung
Östrogendominanz zeigt sich hier als:
zu viel Reiz, zu wenig Halt.
Progesteron steht für:
-
Sammlung
-
Struktur
-
innere Begrenzung
Anthroposophisches Progesteron D4 wirkt nicht ersetzend,
sondern regulierend.
Mönchspfeffer kann – richtig eingesetzt –
die Lutealphase stabilisieren und die Eigenregulation unterstützen.
Immer individuell.
Immer zyklusbezogen.
Nie pauschal.
Ein unterschätzter Hebel: Blutzucker
Blutzucker beeinflusst:
-
Insulin
-
Aromatase
-
Ovulation
-
Progesteronbildung
Ständige Blutzuckerschwankungen:
-
fördern Östrogenwirkung
-
verschlechtern PCOS
-
verstärken Entzündung
Deshalb beginnt hormonelle Balance oft nicht beim Hormon,
sondern beim Stoffwechsel.
Kernfazit
Östrogendominanz ist:
-
selten ein isoliertes Östrogenproblem
-
häufig ein Progesteron-, Rhythmus- und Systemthema
Sie wird:
-
oft nicht gesehen
-
oft falsch gemessen
-
oft vorschnell unterdrückt
Und doch ist sie verstehbar,
wenn man:
-
den Zyklus zeitlich denkt
-
das Verhältnis betrachtet
-
Nervensystem, Stoffwechsel und Umwelt mit einbezieht
Der Körper macht nichts grundlos.
Er reagiert.
Und genau dort beginnt echte Regulation.
Wenn Hormone wirken, ohne im Blut sichtbar zu sein
Viele Frauen mit zyklischen Beschwerden hören:
„Östrogen ist normal. Progesteron auch.“
Und trotzdem bleibt das Gefühl:
Mein Körper steht unter einem inneren Druck. Ich bin schnell gereizt und nehme schnell zu.
Im ersten Teil haben wir gesehen, warum das Verhältnis wichtiger ist als Einzelwerte.
Jetzt gehen wir einen Schritt tiefer:
👉 Warum hormonelle Wirkung nicht dort entsteht, wo wir sie messen.
Warum Blutwerte oft nicht die ganze Wahrheit erzählen
Hormone wirken nicht im Blut.
Sie wirken in der Zelle.
Das Blut ist nur der Transportweg.
Die eigentliche Musik spielt:
-
an Rezeptoren
-
in Zellkernen
-
im Zusammenspiel mit Enzymen, Nervensystem und Immunsystem
Das bedeutet:
Ein „normaler“ Blutwert schließt eine übermäßige Hormonwirkung nicht aus.
Besonders beim Östrogen ist dieser Unterschied entscheidend.
Xenoöstrogene – Östrogenwirkung ohne Östrogenwert
Ein zentraler Grund, warum Östrogendominanz oft nicht messbar ist, liegt hier.
Xenoöstrogene sind körperfremde Substanzen, die:
-
an Östrogenrezeptoren binden
-
Östrogenwirkung imitieren oder verstärken
-
aber nicht als Estradiol im Blut erscheinen
Das Labor sieht „normal“.
Die Zelle erlebt etwas anderes.
Warum das physiologisch relevant ist
Östrogen wirkt nicht über Menge allein,
sondern über:
-
Rezeptorbindung
-
Signalstärke
-
Dauer der Aktivierung
Xenoöstrogene können:
-
schwächer wirken als körpereigenes Östrogen
-
dafür aber dauerhaft
-
und gleichzeitig mehrere Systeme beeinflussen
Das macht sie biologisch wirksam,
auch in niedriger Dosis.
Typische Xenoöstrogene im Alltag
Beispiele (nicht vollständig):
-
Bisphenole (BPA, BPS, BPF)
→ Kunststoffe, Dosenbeschichtungen, Thermopapier -
Phthalate
→ Weichmacher in Verpackungen, Kosmetika, Duftstoffen -
Parabene
→ Konservierungsstoffe in Pflegeprodukten -
Pestizidrückstände
-
Bestimmte Mykotoxine aus Schimmel
Diese Substanzen:
-
wirken hormonell
-
neuroaktiv
-
immunmodulierend
Sie beeinflussen also:
👉 Hormone, Nervensystem und Entzündung gleichzeitig
Warum das besonders Frauen betrifft
Der weibliche Zyklus ist:
-
fein getaktet
-
receptor-sensitiv
-
rhythmusabhängig
Schon kleine, chronische Störungen können:
-
Eisprung verschieben
-
Progesteronfenster verkürzen
-
PMS verstärken
Nicht dramatisch.
Aber spürbar.
Wichtige Haltung
Es geht hier nicht um Angst.
Und nicht um Perfektion.
Sondern um Verständnis:
Warum moderne Umweltbedingungen hormonelle Muster beeinflussen,
ohne dass das Labor „Alarm“ schlägt.
Schimmel & Mykotoxine – ein hormonell aktiver Umweltfaktor
Schimmel ist kein reines Atemwegsproblem.
Bestimmte Schimmelpilze bilden Mykotoxine, die:
-
hormonähnlich wirken können
-
Entzündung fördern
-
Entgiftungswege blockieren
-
Stressachsen aktivieren
Einige Mykotoxine zeigen:
-
östrogenrezeptor-aktive Effekte
-
Beeinflussung von Progesteronrezeptoren
-
Störung der HPA- und HPO-Achse
Wichtig:
Nicht jede Schimmelbelastung macht krank.
Nicht jede Frau mit Endometriose oder PMS hat Schimmel.
Aber:
👉 Bei therapieresistenten, zyklischen Beschwerden ist Schimmelexposition ein relevanter, oft übersehener Faktor.
Vor allem, wenn zusätzlich bestehen:
-
chronische Müdigkeit
-
Brain Fog
-
Infektanfälligkeit
-
schlechte Regeneration
Schimmel wirkt systemisch, nicht isoliert.
Warum der Darm über Östrogendominanz mitentscheidet
Die Leber macht Östrogene wasserlöslich
und schickt sie über die Galle in den Darm zur Ausscheidung.
Im Darm entscheidet sich:
-
raus
-
oder zurück in den Kreislauf
Bestimmte Darmbakterien besitzen Enzyme
(z. B. β-Glucuronidase), die:
-
gebundenes Östrogen wieder aktivieren
-
erneut rückresorbieren lassen
Dieses System nennt man Estrobolom.
Bei Dysbiose:
-
verlängert sich die Östrogenwirkung
-
Progesteron wirkt relativ schwächer
-
PMS, Brustspannen, Zyklusbeschwerden nehmen zu
👉 Östrogendominanz kann also auch ein Darm-Thema sein.
Leber: kein Detox-Mythos, sondern Rhythmusorgan
Die Leber ist kein Müllschlucker.
Sie ist ein hochintelligentes Stoffwechselorgan.
Sie:
-
taktet Hormonabbau
-
verarbeitet Umweltstoffe
-
reagiert sensibel auf Schlaf, Alkohol, Stress
Wenn die Leber:
-
überlastet
-
entzündet
-
rhythmisch gestört ist
dann:
-
werden Östrogene langsamer verarbeitet
-
Zwischenmetabolite können hormonell aktiv bleiben
Das ist kein „Entgiften“.
Das ist Systemphysiologie.
PCOS & Endometriose – warum Umwelt und System mitspielen
PCOS
Bei PCOS zeigen Studien:
-
Insulinresistenz
-
erhöhte Aromatase-Aktivität
-
gestörte Ovulation
Das führt zu:
-
unzureichendem Progesteron
-
relativer Östrogendominanz
-
zyklischer Instabilität
Endometriose
Endometriose zeigt zunehmend:
-
entzündliche Aktivierung
-
lokale Östrogendominanz
-
Progesteronresistenz
Viele Betroffene haben:
-
„normale“ Hormonwerte
-
aber verstärkte Gewebewirkung
Das erklärt:
-
warum reine Hormonunterdrückung oft nicht reicht
-
warum Umwelt, Immunsystem und Stoffwechsel relevant sind
Warum das Nervensystem immer mit betroffen ist
Östrogen und Progesteron wirken im Gehirn.
Xenoöstrogene, Mykotoxine und Entzündung:
-
aktivieren Stressachsen
-
erhöhen Cortisol
-
senken Progesteronwirkung indirekt
Das Nervensystem entscheidet:
Ist gerade Sicherheit oder Alarm?
Im Alarmzustand:
-
Eisprung wird gedämpft
-
Progesteronbildung sinkt
-
Östrogendominanz verstärkt sich
👉 Deshalb sind hormonelle Beschwerden oft Stress- und Rhythmus-sensitiv.
Die oft übersehene Verbindung: Schilddrüse und Östrogendominanz
Bei vielen Frauen, die unter zyklischen Beschwerden leiden,
liegt keine klassische Schilddrüsenerkrankung vor.
TSH, T3 und T4 sind „im Normbereich“.
Und trotzdem zeigt der Körper ein anderes Bild.
Was dabei häufig übersehen wird:
Die Schilddrüse beeinflusst direkt,
wie Östrogen und Progesteron im Körper wirken.
Nicht nur über Menge –
sondern über Energie, Rhythmus und Umwandlung.
Wenn die Schilddrüse funktionell gebremst ist
Bei einer funktionellen oder subklinischen Schilddrüsenunterfunktion
läuft der Stoffwechsel insgesamt etwas langsamer.
Das kann bedeuten:
-
Östrogen wird langsamer abgebaut
-
seine Wirkung hält länger an
-
Progesteron gerät relativ ins Hintertreffen
Nicht, weil „zu viel Östrogen produziert wird“.
Sondern weil das regulierende Gegengewicht fehlt.
Viele Frauen erleben dann Symptome, die sie als Östrogendominanz kennen:
-
ausgeprägtes PMS
-
Brustspannen
-
Wassereinlagerungen
-
Zyklusbedingte Stimmungsschwankungen
-
schlechter Schlaf in der zweiten Zyklushälfte
Warum Progesteron besonders sensibel reagiert
Progesteron entsteht nur nach einem stabilen Eisprung.
Und dieser Eisprung ist energie- und rhythmusabhängig.
Eine funktionell gebremste Schilddrüse kann:
-
Eisprünge verzögern
-
die Lutealphase verkürzen
-
die Progesteronbildung schwächen
Das Labor sieht weiterhin „normale“ Werte.
Der Zyklus fühlt sich aber instabil an.
Auch ohne Diagnose – aber mit Wirkung
Wichtig:
👉 Das bedeutet nicht, dass jede Frau mit Östrogendominanz ein Schilddrüsenproblem hat.
👉 Und es bedeutet nicht, dass hier zwangsläufig Hormone fehlen.
Es bedeutet:
Das hormonelle System arbeitet unter ungünstigen Bedingungen.
Östrogendominanz kann deshalb bei manchen Frauen
weniger ein reines Zyklusproblem sein –
sondern Ausdruck eines insgesamt gedrosselten Stoffwechsel- und Regulationssystems.
Und genau deshalb greifen rein symptomorientierte Hormonlösungen oft zu kurz.
Zwischenfazit
Östrogendominanz entsteht nicht nur:
-
im Eierstock
-
oder im Blut
Sondern:
-
an Rezeptoren
-
im Darm
-
in der Leber
-
im Nervensystem
-
im Kontakt mit Umweltfaktoren
Sie ist kein Einzelproblem,
sondern ein Systemsignal.
Natürlich regulieren, ohne Dogma
Am anfang zeigte ich, was Östrogendominanz ist.
Danach, warum sie oft nicht im Blut sichtbar ist.
Hier beantworte ich die wichtigste Frage:
Was kann ich konkret tun, damit mein System wieder in Balance kommt?
Nicht alles auf einmal.
Sondern gezielt, messbar, individuell.
Erstes Prinzip: Nicht gegen Östrogen arbeiten, sondern Progesteron ermöglichen
Viele Strategien scheitern, weil sie:
-
Östrogen „drücken“ wollen
-
Symptome unterdrücken
-
oder aggressiv eingreifen
Biologisch sinnvoller ist:
👉 die Voraussetzungen für einen guten Eisprung zu schaffen
👉 damit Progesteron wieder entstehen kann
Progesteron lässt sich nicht erzwingen.
Es entsteht, wenn der Körper:
-
Sicherheit spürt
-
Energie hat
-
rhythmisch lebt
Hebel 1: Blutzucker – der unterschätzte Dirigent
Blutzucker beeinflusst:
-
Insulin
-
Aromatase
-
Ovulation
-
Entzündung
Instabile Glukose bedeutet:
-
mehr Stresshormone
-
mehr Östrogenwirkung
-
weniger Progesteron
Praktisch bedeutet das:
-
Protein zuerst bei jeder Mahlzeit
-
2–3 klare Mahlzeiten, wenig Dauer-Snacking
-
Kohlenhydrate gezielt, nicht wahllos
-
möglichst echte Lebensmittel
Ziel ist kein Low Carb.
Ziel ist Stabilität.
Hebel 2: Rhythmus & Schlaf – der Progesteron-Booster
Progesteron liebt Rhythmus.
Unregelmäßiger Schlaf:
-
verschiebt Eisprung-Signale
-
dämpft LH-Pulse
-
schwächt die Lutealphase
Minimal wirksam:
-
feste Aufstehzeit
-
Morgenlicht in der ersten Stunde
-
abends Licht und Reize dimmen
-
keine großen Mahlzeiten spät abends
Das ist keine Wellness.
Das ist endokrine Ordnung.
Hebel 3: Nervensystem – raus aus dem Dauer-Alarm
Chronischer Stress:
-
hemmt die HPO-Achse
-
verschiebt Ressourcen weg von Reproduktion
-
senkt Progesteron indirekt
Viele Frauen mit Östrogendominanz sind nicht „zu sensibel“.
Sie sind zu lange im Alarm.
Einfach, aber wirksam:
-
5–10 Minuten langsame Atemarbeit täglich
-
Fokus auf längeres Ausatmen
-
kurze bewusste Pausen statt langer Techniken
Ziel:
Dem Körper signalisieren: Es ist sicher.
Hebel 4: Darm & Ausscheidung – Östrogen richtig loswerden
Östrogenbalance bedeutet auch:
-
Östrogen abbauen
-
nicht wieder rückresorbieren
Dafür braucht es:
-
regelmäßigen Stuhlgang
-
ausreichend Ballaststoffe
-
gute Darmbewegung
Alltagstauglich:
-
täglich Gemüse, besonders Kreuzblütler
-
gemahlene Leinsamen
-
ausreichend Flüssigkeit
-
Bewegung
Nicht „detoxen“.
Sondern Fluss ermöglichen.
Hebel 5: Bewegung – weniger Cardio, mehr Signal
Bewegung senkt:
-
Insulinresistenz
-
Entzündung
-
Aromatase-Aktivität
Aber:
Zu viel, zu intensiv, ohne Erholung
kann Progesteron weiter senken.
Günstig bei Östrogendominanz:
-
tägliches Gehen
-
2–3× pro Woche sanftes Krafttraining
-
Fokus auf Regelmäßigkeit, nicht Maximalleistung
Anthroposophische Einordnung – Progesteron als Halt
Anthroposophisch betrachtet braucht der weibliche Organismus:
-
Wärme
-
Rhythmus
-
innere Begrenzung
Progesteron steht für:
-
Sammlung
-
Schutz
-
Einbettung
Progesteron D4
Wirkt:
-
regulierend
-
nicht ersetzend
-
ordnend auf das System
Kann sinnvoll sein bei:
-
funktioneller Östrogendominanz
-
Lutealphasen-Unruhe
-
Schlaf- und Reizbarkeitsthemen
Immer ärztlich begleitet.
Immer im Kontext.
Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus)
Kann:
-
Prolaktin modulieren
-
Eisprungqualität verbessern
-
Lutealphase stabilisieren
Besonders sinnvoll bei:
-
zyklischer Brustempfindlichkeit
-
PMS
-
unruhiger Lutealphase
Nicht für jede Frau.
Nicht dauerhaft.
Nicht ohne Einordnung.
Supplemente – unterstützend, nicht steuernd
Supplemente sind Werkzeuge, keine Lösungen.
Evidenzbasierte Optionen bei Indikation:
-
Vitamin B6
Unterstützt Progesteronwirkung & Neurotransmitter.
-
Magnesium
Entlastet Nervensystem, unterstützt GABA.
-
Zink & Selen
Cofaktoren für Hormon- und Enzymfunktionen.
-
Omega-3-Fettsäuren
Entzündungsmodulation, Zellmembranen.
-
Cholin / Betain
Unterstützung von Leber- & Methylierungswegen.
-
Indol-3-Carbinol / DIM
Beeinflusst Östrogenmetabolismus (indikationsabhängig).
-
Calcium-D-Glucarat
Kann Östrogen-Ausscheidung unterstützen.
⚠️ Sicherheitsanker:
Keine Supplemente bei Schwangerschaft, Stillzeit, relevanter Medikation oder bekannten Erkrankungen ohne ärztliche Begleitung.
Wann hormonelle Therapie eine Option sein kann
Eine hormonelle Therapie kann sinnvoll sein:
-
wenn alle funktionellen Hebel ausgeschöpft sind
-
bei klarer Progesteronunterversorgung
-
bei schwerem Leidensdruck
Aber:
👉 nicht als erster Schritt
👉 nicht ohne Ursachenarbeit
Hormone ersetzen Regulation nicht.
Sie können sie überbrücken, manchmal unterstützen.
Kernfazit der Hebel
Östrogendominanz reguliert sich nicht durch:
-
Unterdrücken
-
Wegdrücken
-
oder „perfekte Werte“
Sondern durch:
-
Rhythmus
-
Sicherheit
-
Energie
-
und Zeit
Der weibliche Körper ist kein Defekt.
Er ist ein hoch sensibles Regulationssystem.
Wenn man ihm zuhört,
antwortet er oft erstaunlich klar.
Quellen
Grundlagen Zyklus & Hormonverhältnis
-
Fritz MA, Speroff L.
Clinical Gynecologic Endocrinology and Infertility.
Lippincott Williams & Wilkins.
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