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Ich kenne Rückenschmerzen nicht nur aus Lehrbüchern – ich habe sie selbst durchlebt.

Am Ende meines Medizinstudiums hatte ich Phasen, in denen ich morgens kaum aus dem Bett kam.

Die Lendenwirbelsäule fühlte sich an wie Beton. Jeden Abend brauchte ich 30–45 Minuten Dehnen, nur damit ich am nächsten Morgen überhaupt aufstehen konnte. Sport sollte angeblich helfen – aber an manchen Tagen war schon der Weg zur Straßenbahn zu viel.

„Ihr Rücken ist eben kaputt“

Vielleicht kommt Ihnen das bekannt vor:

  • MRT-Befund: „Bandscheibenvorwölbung, etwas Verschleiß, nichts Dramatisches.“

  • Empfehlung: Schmerztabletten, Physiotherapie, „Rücken stärken“ – und der Satz:

    „Damit müssen Sie leben, bewegen Sie sich einfach mehr.“

Das Problem:

Wenn man vor Schmerzen kaum laufen kann, wirkt „machen Sie mehr Sport“ eher zynisch als hilfreich.

Auch bei mir half all das nur begrenzt. Die Übungen verschafften kurze Erleichterung, aber das Grundproblem blieb. Mechanisch war zwar etwas zu sehen – doch die Intensität meiner Schmerzen passte nicht zum Befund. Irgendetwas an dieser Erklärung war unvollständig.


Die Kaltdusche, die alles verändert hat

In dieser Phase habe ich – aus Verzweiflung und Neugier – mit kalten Duschen begonnen.

Täglich etwa fünf Minuten, wirklich kalt.

Und dann passierte etwas, das mein Verständnis von Medizin auf den Kopf gestellt hat:

Innerhalb weniger Wochen waren meine Rückenschmerzen praktisch weg

ohne neue Übungen, ohne Spritzen, ohne OP.

Klassisch gelernt hatte ich: Wärme entspannt Gewebe, Kälte spannt eher an.

Warum wurde mein Rücken besser, obwohl ich ihn täglich „kalt schockte“?

Ich habe mich in das Thema verliebt.

Über die Jahre kamen mehr als 1300 Stunden bewusster Kälterfahrung zusammen, später habe ich sogar ein Buch darüber geschrieben – auch, weil wir im Medizinstudium praktisch nichts dazu gelernt haben.

Erst viel später wurde klar, was da passiert war:

  • Die Kälte hat nicht einfach „irgendwas im Muskel gelockert“.

  • Sie hat mein Nervensystem reguliert:

    • Stressachsen wurden anders getaktet.

    • Die Art, wie mein Gehirn Schmerz verarbeitet, hat sich verändert.

    • Mein Körper kam ein Stück weit aus dem Dauer-Alarm heraus.

Einige Jahre später – in einer Phase mit massiven Beziehungs- und Lebensstressoren – kamen die Rückenschmerzen zurück. Diesmal half reines Training noch weniger. Erst als ich an meinen Beziehungen, an inneren Konflikten und an meinem Umgang mit Stress gearbeitet habe, sind die Schmerzen wieder gegangen.

Heute sehe ich:

Mein Rücken war nie „nur kaputt“.

Er war das Sprachrohr eines überlasteten Nervensystems.

Diese Erfahrung prägt, wie ich heute auf Rückenschmerzen schaue – und sie passt erstaunlich gut zu dem, was die Forschung zeigt.


Struktur ist wichtig – aber nicht das ganze Bild

Lange Zeit dachten wir: „Schmerz = Schaden.“

Ist die Bandscheibe kaputt, dann tut es weh. Punkt.

Die Daten erzählen eine andere Geschichte:

1. Viele „kaputte“ Bandscheiben – ohne Schmerzen

  • In einer Arbeit im New England Journal of Medicine wurden 98 Menschen untersucht, die keine Rückenschmerzen hatten. Im MRT zeigte sich:

    • 52 % hatten mindestens eine Bandscheibenvorwölbung,

    • 27 % sogar eine Protrusion,

    • und trotzdem: null Schmerzen.

  • Andere Studien kommen zu ähnlichen Zahlen: In einer Untersuchung aus 2021 hatten rund 40 % beschwerdefreier Menschen Bandscheibenveränderungen auf dem MRT, ohne dass sie Rückenschmerzen angaben.

Die Botschaft:

Ein Bandscheibenvorfall kann Schmerzen machen –

aber er beweist nicht, dass er die Ursache Ihrer Schmerzen ist.

Selbst wenn im Bild „krasse Schäden“ zu sehen sind, entscheidet das Nervensystem mit, wie stark Sie Schmerzen erleben.

2. Das Gehirn kann Schmerz „lernen“

Bei chronischen Rückenschmerzen spielt das zentrale Nervensystem eine entscheidende Rolle:

  • In einer randomisierten Studie von Ashar et al. (2021) erhielten Menschen mit chronischem Rückenschmerz eine spezielle Therapie, die das Gehirn darin trainiert, Schmerz nicht mehr automatisch als Gefahr zu interpretieren (Pain Reprocessing Therapy).

    • Nach nur 4 Wochen waren 66 % der Behandelten nahezu schmerzfrei – in der Kontrollgruppe nur etwa 10 %.

    • Im funktionellen MRT sah man: Aktivität und Verschaltung der Schmerznetzwerke im Gehirn hatten sich messbar verändert.

  • Eine große genetische Analyse mit über 375 000 Personen zeigte:

    • Akute Rückenschmerzen waren kaum mit bestimmten Genen verknüpft.

    • Chronische Rückenschmerzen hingegen waren deutlich mit Genen assoziiert, die vor allem im Gehirn aktiv sind.

      → Chronischer Schmerz hat also eine starke zentrale Komponente.

  • Übersichtsarbeiten zu funktionellen MRT-Studien zeigen, dass lang anhaltender Rückenschmerz die Struktur und Funktion von Hirnarealen verändern kann, die für Schmerz, Emotion und Aufmerksamkeit zuständig sind. Das Nervensystem „lernt“ Schmerz – und hält ihn aufrecht, selbst wenn an der Wirbelsäule nichts Neues „kaputtgeht“.

3. Stress, HRV & Emotionen: Wenn der Rücken die Geschichte Ihres Nervensystems erzählt

Unser autonomes Nervensystem – gemessen z. B. über die Herzratenvariabilität (HRV) – spielt ebenfalls eine Rolle:

  • Bei Menschen mit chronischem Rückenschmerz ist eine niedrige HRV (Zeichen für Dauer-Stressmodus) häufiger.

  • Studien zeigen, dass Menschen mit besserer emotionaler Selbstregulation trotz gleicher struktureller Befunde beweglicher und belastbarer sind als jene, deren Nervensystem dauerhaft auf Alarm steht.

Mit anderen Worten:

Zwei Menschen können das gleiche MRT haben –

der eine ist nahezu schmerzfrei, der andere stark eingeschränkt.

Der Unterschied liegt oft im Nervensystem, im Stresslevel und in der inneren Verarbeitung.

Das heißt nicht, dass Struktur egal wäre.

Bei schweren neurologischen Ausfällen, Unfällen oder klarer Nervenkompression ist die orthopädisch-neurochirurgische Diagnostik unverzichtbar.

Aber selbst dann bleibt die Frage:

  • Wie verarbeitet Ihr Nervensystem diese Situation?

  • Bleibt es nach der Heilung im Schutzmodus hängen – oder findet es zurück in einen flexibleren Zustand?

Genau hier setzen moderne Schmerzkonzepte und mein eigenes Arbeiten mit Patient:innen an.


Warum ich heute Rücken

und

Nervensystem behandle

Wenn Sie mit Rückenschmerzen zu mir kommen, suche ich nicht nach der einen „magischen Ursache“.

Ich schaue mir an:

  • Wie sehen Struktur & Muskulatur aus?

  • Wie reagiert Ihr Nervensystem? (z. B. HRV, Stressmuster, Schlaf)

  • Welche Rolle spielen Beziehungen, Arbeit, ungelöste Konflikte?

  • Gibt es Entzündungsprozesse oder Nährstoffmängel, die Schmerzschwellen senken?

  • Welche Reize – z. B. Bewegung, Atemarbeit, Kälte/Wärme – bringen Ihr System eher in Ruhe als in Alarm?

Meine eigene Geschichte mit kalten Duschen war dabei ein Türöffner:

Sie hat mir gezeigt, wie stark wir Schmerz über Regulation beeinflussen können – und wie wenig wir darüber in der Ausbildung lernen.

Was im Hintergrund takten kann – wenn Rücken & Nervensystem nicht im Gleichklang sind

Im ersten Teil ging es darum, warum ein MRT-Befund („Bandscheibenvorwölbung“, „Verschleiß“) nicht automatisch erklärt, wie stark Ihre Rückenschmerzen sind – und wie sehr hier das Nervensystem mitredet.

Jetzt schauen wir systemischer:

Was kann im Hintergrund laufen, wenn Ihr Rücken dauernd schmerzt, das Bild „nur gering verändert“ ist – oder sogar unauffällig?

Hier hilft die KPNI-Brille:

Klinische Psycho-Neuro-Immunologie denkt Körper als vernetztes System:

Nervensystem ↔ Immunsystem ↔ Hormone/Stoffwechsel ↔ Darm & Barrieren

Wenn eine dieser Ebenen dauerhaft im Alarmmodus ist, kann der Rücken zum Lautsprecher werden.


1. Nervensystem: Wenn Schmerznetzwerke im Schutzmodus hängen bleiben

Chronischer Rückenschmerz bedeutet fast immer auch:

  • Das Gehirn hat gelernt, bestimmte Regionen als „gefährdet“ zu betrachten.

  • Schon kleine Signale aus Muskeln, Faszien oder Gelenken werden wie ein Überfall-Alarm verarbeitet.

  • Schmerzbahnen werden empfindlicher, Muskeln spannen schneller an, Entspannung fällt schwer.

Das Nervensystem ist dann nicht „defekt“, sondern übervorsichtig – wie ein Rauchmelder, der bei Wasserdampf losgeht.

Typische Hinweise:

  • Schmerz, der mit Stress stärker wird.

  • Phasenwechsel: im Urlaub besser, im Alltag schlimmer.

  • „Ich brauche ewig, bis ich morgens in Gang komme.“

  • Ruhige Bewegung tut gut, aber schon der Gedanke an „hartes Training“ stresst den Körper.

Genau dort greifen Ansätze wie Pain Reprocessing Therapy, Atem- & HRV-Training, Kälte-/Wärmereize und Arbeit an Stressmustern:

Sie zielen nicht nur auf Muskeln – sondern auf Neuverhandlung der Schmerzsignale im Gehirn.


2. Immunsystem & Entzündung: Wenn stille Prozesse Schmerz lauter machen

Das Immunsystem spricht mit dem Nervensystem – über Botenstoffe wie Zytokine.

  • Niedriggradige Entzündung (z. B. durch Übergewicht, Darmbarriere-Störungen, alte Entzündungsherde) kann Schmerzbahnen empfindlicher machen.

  • Entzündungsbotenstoffe können Nerven „anspannen“ – Rückenschmerz fühlt sich dann schneller brennend, ziehend oder steif an.

  • Auch Infekte, Schübe, Impfreaktionen, Long-Covid/Post-Vac oder andere Immunaktivierungen können das System in einen Modus bringen, in dem Rückenstrukturen empfindlicher wirken, als es das Bild vermuten lässt.

Über KPNI denken wir hier vernetzt:

  • Darm & Mikrobiom → Immunsystem → Mikroentzündung

  • Schlafmangel, Überernährung, Insulinresistenz → mehr entzündliche Botenstoffe

  • Schimmel/Mykotoxine, Schwermetalle & Co. → zusätzliche Reize für Immunsystem & Nerven

Nicht jede Entzündung macht automatisch Schmerz – aber sie kann die Lautstärke des vorhandenen Signals hochdrehen.


3. Stoffwechsel & Hormone: Energie, die im System fehlt

Rückenmuskulatur, Bandscheiben, Faszien – all das ist lebendes Gewebe, das Energie braucht:

  • Mitochondrien (die „Kraftwerke“ der Zellen) hängen an Schilddrüse, Eisen, B-Vitaminen, Magnesium, Proteinzufuhr usw.

  • Wenn hier Defizite bestehen, können Regeneration, Muskelentspannung und Heilung verlangsamt sein.

  • Gleichzeitig können Blutzuckerschwankungen, Insulinresistenz oder Fettstoffwechsel-Störungen die Entzündungsneigung erhöhen.

Beispiele:

  • Eisenmangel, Vit-D-Mangel, B12-/Folat-Mangel, Magnesiummangel → mehr Müdigkeit, Muskelverspannung, niedrigere Belastbarkeit.

  • Schilddrüsenunterfunktion → zäher Stoffwechsel, „zäher“ Muskeltonus.

  • Chronischer Stress → Cortisolverschiebungen, die Immun- und Schmerzachsen mit beeinflussen.

Hier docken Stoffwechsel-Analysen und eine sinnvolle Anpassung von Ernährung & Mikronährstoffen an – nicht als „Biohacking-Spielerei“, sondern als Basis, damit Gewebe überhaupt regenerieren kann.


4. Darm & Barriere: Wenn die Mitte aus der Balance gerät

Der Darm ist nicht nur für Verdauung da – er ist auch:

  • eines der größten Immunorgane,

  • ein wichtiger Produzent von Botenstoffen,

  • und eine Kontaktfläche zur Außenwelt.

Wenn hier etwas dauerhaft gereizt ist, kann das das System kippen:

  • Nahrungsmittel-Intoleranzen, stille Entzündungen, Dysbiose → mehr Immunaktivität

  • Durchlässigere Barriere („Leaky gut“) → mehr Reize im Immunsystem

  • Das Immunsystem wiederum → verstärkte Schmerzwahrnehmung über Zytokine und Mikroglia (Immunzellen im Nervensystem)

Manche Menschen kennen das als „Alles tut weh, wenn der Bauch wieder spinnt“.

Rückenschmerz ist dann nicht nur eine örtliche Sache im LWS-Bereich, sondern Teil eines Systemzustands.


5. Psyche, Beziehungen & Story: Wenn der Rücken die Biografie mitträgt

In meiner eigenen Geschichte war der Rücken auch ein Spiegel für:

  • Beziehungsstress, ungelöste Konflikte, innere Überforderung.

  • Das Gefühl, mehr tragen zu müssen, als eigentlich geht.

Das heißt nicht: „Der Schmerz ist nur psychisch.“

Es heißt:

Emotionale Dauerbelastung kann das Nervensystem in einem Schutzmodus halten –

und der Rücken wird zum Ort, an dem diese Spannung fühlbar wird.

KPNI übersetzt hier:

  • Dauerstress → sympathikotoner Zustand → Muskelspannung ↑, HRV ↓

  • unterdrückte Emotionen / ungelöste Konflikte → mehr Alarm im limbischen System → Schmerznetzwerke bleiben sensibel

  • fehlende Regenerationsinseln (Bewegung, Natur, sichere Beziehungen, echter Schlaf) → Körper baut Verspannung langsamer ab

Darum frage ich bei Rückenschmerzen nicht nur:

  • „Wo genau tut es weh?“

    sondern auch:

  • „Wie sieht Ihr Tag aus? Ihre Beziehungen? Ihre Erholungsfenster?“


Wie ich Rückenschmerzen diagnostisch angehe – mehr als „Bild anschauen“

Damit das nicht abstrakt bleibt, zeige ich Ihnen, wie ich in der Praxis vorgehe.

1. Gründliche Anamnese – die Geschichte hinter dem Schmerz

Wir sprechen u. a. über:

  • Beginn & Verlauf: plötzlich nach Ereignis oder schleichend?

  • Unfälle, Operationen, alte Verletzungen

  • Beruf: Sitzen, Heben, einseitige Belastungen

  • Schlaf, Erholung, Energielevel

  • frühere Therapien (Physio, Spritzen, OP-Empfehlungen) – und was sie gebracht haben

  • emotionale Stressoren: Beziehung, Familie, Arbeit, Lebensübergänge (Trennung, Verlust, Überforderung)

Ziel:

Nicht nur „dem Bandscheibenvorfall einen Namen geben“, sondern das Muster erkennen, in dem der Schmerz auftritt.


2. Körperliche & neurologische Untersuchung – Sicherheit zuerst

Bevor wir tiefer einsteigen, kläre ich:

  • Gibt es Red Flags → z. B. Lähmungen, Gefühlsausfälle, Störungen von Blase/Darm, Fieber, Tumor-Verdacht?

  • Wie sind:

    • Muskelkraft und Reflexe?

    • Sensibilität in Beinen und Füßen?

    • Beweglichkeit der Wirbelsäule?

    • bestimmte Provokationstests (z. B. Lasègue)?

Wenn hier etwas nicht stimmig ist, gehört das unbedingt weiter orthopädisch/neurologisch abgeklärt – ggf. mit schneller Bildgebung und Fachkolleg:innen.


3. Bildgebung – gezielt statt reflexhaft

Ein MRT kann wichtig sein, z. B.:

  • bei neu aufgetretenen neurologischen Ausfällen,

  • bei Verdacht auf schwere strukturelle Ursachen,

  • bei starken Schmerzen über Wochen ohne Besserung,

  • vor geplanten Eingriffen.

Aber:

Weil wir wissen, wie häufig asymptomatische Bandscheibenbefunde sind, nutze ich das MRT:

  • nicht als Automatismus („Rückenschmerz = MRT“),

  • sondern als Baustein in einem Gesamtbild.

Entscheidend ist immer:

Passt das, was wir sehen, wirklich zu Ihren Beschwerden – oder nicht?


4. Stoffwechsel-Analyse & Stress-Analyse – was viele nie zu sehen bekommen

Zusätzlich zur klassischen Untersuchung nutze ich in vielen Fällen:

• Bioimpedanz-Analyse (BIA)

  • Sie misst u. a.:

    • Körperzusammensetzung (Muskelmasse, Fettmasse)

    • Wasserverteilung intra-/extrazellulär

    • Phasenwinkel – ein Marker für Zellvitalität und Regenerationsfähigkeit

  • Bei chronischen Schmerzen sehen wir nicht selten:

    • abgesunkene Muskelmasse und/oder verschobene Wasserverteilung

    • Phasenwinkel-Muster, die zu Erschöpfung, Entzündung oder mangelnder Regenerationskapazität passen

Das hilft uns zu beantworten:

„Hat Ihr Körper überhaupt die Ressourcen, um auf Training oder Therapie zu antworten –

oder müssen wir zuerst Energiehaushalt & Versorgung verbessern?“

• HRV-Analyse per EKG (Herzratenvariabilität)

  • Mit einer kurzen EKG-Aufzeichnung (meist 5 Minuten) schauen wir:

    • In welchem Autonomie-Modus läuft Ihr System – Dauersympathikus („Fight/Flight“) oder gibt es noch Spielraum für Regeneration?

    • Wie reagiert Ihr Nervensystem auf Atmung, Ruhephasen, kleine Reize?

  • Chronischer Rückenschmerz geht oft mit:

    • erniedrigter HRV (Zeichen für „Dauer-Alarm“)

    • eingeschränkter Flexibilität der Stressantwort einher

Ich erkläre das meinen Patient:innen gern so:

„Wir schauen nicht nur auf die Bandscheibe –

wir messen, wie Ihr ganzer Organismus gerade auf Stress, Erholung und Schmerz reagiert.“


5. Labordiagnostik – Nährstoffe, Entzündung, Hormone

Je nach Geschichte und Befund können dazu kommen:

  • Basis:

    • Blutbild, Elektrolyte

    • Leber- und Nierenwerte

    • Blutzucker/HbA1c

    • Lipidprofil

    • Entzündungsmarker (z. B. CRP, ggf. hsCRP)

  • Nährstoffe/Energieachsen:

    • Ferritin/Eisenstatus

    • Vitamin D

    • Vitamin B12, Folat

    • Magnesium (ggf. auch im Vollblut)

    • ggf. Zink, Selen

    • bei Bedarf: Schilddrüse (TSH, fT4 ± fT3)

  • je nach Fall:

    • Hormonachsen (z. B. Cortisol-Tagesprofil, Geschlechtshormone), wenn der Verlauf es nahelegt.

Das Ziel ist nicht, „alles zu testen“, sondern herauszufinden:

  • Fehlt Ihrem System etwas, das Heilung & Regeneration bremst?

  • Gibt es Marker für niedriggradige Entzündung, die zur Schmerzverstärkung passen?


6. Darm, Schimmel, Schwermetalle – nur wenn es wirklich Sinn ergibt

Bei bestimmten Verläufen stelle ich mir zusätzlich Fragen wie:

  • Gibt es Darmbeschwerden, Unverträglichkeiten, auffällige Stuhlbilder, Gewichtsveränderungen?

    → Dann kann eine gezielte Darmdiagnostik (z. B. Calprotectin, sIgA, bestimmte Marker der Barrierefunktion) helfen.

  • Gibt es Hinweise auf Schimmelbelastung zu Hause oder am Arbeitsplatz?

    → Langer Aufenthalt in feuchten Räumen, Geruch, sichtbarer Befall, andere Betroffene im Haushalt.

  • Gab es relevante Expositionen für Schwermetalle (z. B. bestimmte Berufe, alte Amalgam-Sanierungen, spezielle Hobbys)?

In solchen Fällen kann das Immunsystem über Jahre in einem „leicht entzündlichen“, gereizten Zustand bleiben – was die Schmerzschwellen senken kann.

Wichtig:

Das ist keine Einladung zu Angst und Test-Marathon.

Ich setze solche Diagnostik nur ein, wenn:

  • die Geschichte des Patienten

    • der klinische Befund

    • der bisherige Verlauf

wirklich dafür sprechen, dass hier ein „Deckel“ auf dem System liegen könnte.


7. Psychophysiologie & Story – ohne Stigmatisierung

Zusätzlich kann es sinnvoll sein, gemeinsam zu beleuchten:

  • Wie sieht Ihr innerer Dialog aus („Ich muss funktionieren“, „Ich darf nicht schwach sein“)?

  • Wo im Alltag erleben Sie Druck, Konflikte, Ohnmacht?

  • Welche Strategien haben Sie bisher, um mit Belastung umzugehen – und was fehlt vielleicht noch?

Das bedeutet nicht, dass wir sagen: „Der Schmerz ist rein psychisch.“

Es bedeutet:

Wir nehmen ernst, dass Körper und Seele nicht getrennt sind –

und dass Ihr Rücken vielleicht die Geschichte eines Nervensystems erzählt, das lange zu viel tragen musste.

 

Vom Verstehen ins Tun – wie ein Rückenkonzept aussehen kann, das mehr kann als „stärken Sie die Muskulatur“

Bis hierhin ging es darum, warum Rückenschmerz mehr ist als ein Bandscheibenproblem –

und wie Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel, Darm, Beziehungen & Story mitspielen können.

Jetzt wird es praktisch:

Wie kann ein Therapieplan aussehen, der diese Ebenen systematisch mitnimmt – ohne esoterisch zu werden, ohne Ihnen „alles selbst in die Schuhe zu schieben“, aber mit echtem Hebel?

Ich arbeite dabei in Stufen, damit es greifbar bleibt.


Stufe 1 – Fundament: Alltag, Nervensystem & Stoffwechsel neu sortieren

Bevor wir über Spezialmaßnahmen sprechen, schaue ich mit Ihnen auf die Dinge,

die Ihr System jeden Tag takten:

Ernährung • Schlaf & Rhythmus • Bewegung • Stress/Nervensystem

Nicht als „Checkliste, die Sie abarbeiten müssen“,

sondern als 4 Regler, die wir individuell feinjustieren.


1. Ernährung – nicht „die eine Diät“, sondern die passende Schiene für Ihren Rücken

Ich glaube nicht an eine perfekte Ernährung für alle.

Was mich interessiert:

  • Wie stabil ist Ihr Blutzucker (Energie? Heißhunger? Mittagstief)?

  • Gibt es Hinweise auf stille Entzündungen (z. B. Übergewicht, Gelenkbeschwerden, Hautprobleme, Darmthemen)?

  • Wie ist Ihre Darmtoleranz (Blähungen, Unverträglichkeiten, wechselnde Stühle)?

Denn:

Entzündung, Energie, Darm – das sind Achsen, die Rückenschmerz leiser oder lauter machen können.

Typische Schienen (vereinfacht):

  • Entzündungsarme, „immunneutrale“ Kost

    – viel unverarbeitete Lebensmittel, buntes Gemüse/Obst, ausreichend Protein, gute Fette, wenig Zucker/Weißmehl & Ultra-Processing.

    Sie kann helfen, stille Entzündung und Darmstress zu reduzieren – und damit auch Schmerzempfindlichkeit.

  • Blutzucker-orientierte Kost

    – Protein vorne, weniger rasche Zucker, klare Mahlzeitenfenster.

    Sie kann Energie & Stimmung stabilisieren und den Körper aus der „Snack-Dauer-Alarm-Schleife“ holen.

Wichtig ist dabei:

  • Wir machen kein Dogma aus Ihrem Essen.

  • Wir testen für einige Wochen eine passende Schiene, beobachten:

    – Wie verändern sich Energie, Schlaf, Schmerz, HRV?

  • Und dann entscheiden wir gemeinsam, was bleibt – und was wieder gehen darf.

Manche Patient:innen berichten, dass schon diese Ebene Rückenschmerzen deutlich verändert.

Nicht, weil „Gluten böse“ oder „Zucker Gift“ ist – sondern weil das System weniger entzündlich, weniger schwankend, besser genährt läuft.


2. Rhythmus & Schlaf – wenn die Nacht die Schmerztherapie mitträgt

Chronischer Schmerz frisst Schlaf – und schlechter Schlaf verstärkt Schmerz.

Ein klassischer Teufelskreis.

Wir schauen gemeinsam:

  • Wie ist Ihre Aufstehzeit – jeden Tag anders oder relativ konstant?

  • Kommt morgens überhaupt Tageslicht ans Auge?

  • Wie sieht Ihre „digitale Dämmerung“ aus – Bildschirm bis ins Bett oder eine kleine Absenkphase?

  • Wachen Sie nachts auf, grübeln viel, finden schlecht wieder hinein?

Weil:

  • Schlechter Schlaf kann die Schmerzschwelle senken,

  • Entzündungsbotenstoffe erhöhen,

  • und das Nervensystem anfälliger für Überreizung machen.

Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein realer, alltagstauglicher Plan:

kleine Stellschrauben, die Ihren Schlaf im Rahmen Ihres Lebens messbar verbessern können.


3. Bewegung – die richtige Dosis, statt „machen Sie einfach mehr Sport“

Das ist mir besonders wichtig, weil ich es selbst erlebt habe:

Wenn man vor Schmerz kaum Schuhe binden kann, ist „machen Sie mehr Sport“ ein Hohn.

Bei Bewegung geht es für mich um drei Fragen:

  1. Was geht realistisch – heute?

    – 5 Minuten Spazieren, 2–3 Mobilitätsübungen im Bett

    können für den Anfang wertvoller sein als 60 Minuten Bootcamp, das Sie nie schaffen.

  2. Welche Dosis nimmt Stress raus, statt ihn draufzulegen?

    – Wir nutzen hier gerne Biofeedback (z. B. HRV, subjektive Skalen),

    um zu sehen: Wieviel Reiz verträgt Ihr System, ohne am nächsten Tag zu „zurückzuschlagen“?

  3. Was macht Ihnen persönlich etwas Freude oder Sinn?

    – Ein Bewegungsprogramm, das Sie hassen, wird Ihr Nervensystem nicht beruhigen.

Das Ziel:

  • Ein Minimum an täglicher Bewegung, die Ihr System aufschließt,

    ohne es zu überfordern.

  • Mit der Zeit können wir Intensität und Vielfalt steigern –

    aber immer in Rückkopplung mit Ihrem Körper, nicht gegen ihn.


4. Stress- & Nervensystemarbeit – über Atmung hinaus

Natürlich gehören auch Atempausen, Entspannung, Meditation ins Repertoire.

Aber bei chronischen Rückenschmerzen reicht ein „mach mal 10 Minuten App“ oft nicht.

Hier arbeiten wir auf mehreren Ebenen:

  • Körpernah:

    • Atemübungen in Resonanzfrequenz (etwa 6 Atemzüge/Minute) – kombiniert mit HRV-Biofeedback, damit Sie sehen, wie Ihr Nervensystem reagiert.

    • Sanfte Regulation über Kälte/Wärme, Druck, Berührung (z. B. Kälteanwendungen, warme Wickel).

  • Kognitiv-emotional:

    • Verstehen, dass Schmerz nicht immer Gefahr bedeutet.

    • Arbeit an Glaubenssätzen wie „mein Rücken ist kaputt“ → hin zu „mein System ist empfindlich – und trainierbar“.

    • Wenn passend: Psychotherapie oder spezifische schmerzpsychologische Verfahren wie Pain Reprocessing Therapy oder psychophysiologische Ansätze.

  • Biografisch:

    • Was trägt Ihr Rücken schon wie lange?

    • Wo in Ihrem Leben wird viel „geschluckt“ und wenig ausgesprochen?

    • Wo brauchen Sie Grenzen – nicht nur körperlich, sondern auch im Alltag?

Meine Erfahrung – und viele Studien – zeigen:

Wenn Nervensystem & Emotionen ernst genommen werden,

kann sich der Rücken oft deutlich besser beruhigen,

als wenn wir nur an der Bandscheibe herumtherapieren.


Stufe 2 – Regulativ: Pflanzen, Rhythmus & Wärme (anthroposophisch – aber verständlich)

Hier wird es nicht esoterisch, sondern regulativ.

Aus der anthroposophischen Medizin nutze ich vor allem drei Bilder:

  1. Rhythmus:

    – Tag/Nacht, Aktivität/Erholung, Anspannung/Entspannung

    – auch im Herzen, in der Atmung, in der Verdauung

  2. Wärme:

    – nicht nur körperlich, sondern auch im Sinn von „Innerer Tonus“

    – Viele Rückenschmerzpatient:innen fühlen sich „innerlich kalt“ oder „hart“

  3. Mitte:

    – Der Rücken als Achse zwischen Kopf (Planen/Denken) und Beinen (Tun/Handeln)

    – Wenn die Mitte zu viel Last trägt, meldet sie sich

Praktisch kann das heißen:

  • Wärmende Anwendungen wie Rücken- oder Leberwickel, Fußbäder, sanfte Einreibungen

    – sie können Spannung regulieren, den Parasympathikus ansprechen und das „Runterfahren“ abends erleichtern.

  • Pflanzliche und mineralische Begleiter

    – z. B. zur Unterstützung von Rhythmus, Durchblutung, Muskelentspannung oder Schlaf –

    immer ärztlich ausgewählt, ohne Produktempfehlungen im öffentlichen Text.

Diese Dinge ersetzen keine Physiotherapie oder Schmerztherapie,

aber sie können das System wie eine weiche Hand im Hintergrund begleiten.


Stufe 3 – Nährstoffe & ggf. Infusionen: dem Gewebe geben, was es braucht

Je nach Befund können Nährstoffe gezielt eine Rolle spielen:

  • Vitamin D – für Knochen, Muskeln, Immunsystem

  • Magnesium – für Muskelspannung, Nervenreizleitung

  • B12/Folat – für Nerven, Energie, Blutbildung

  • Eisen/Ferritin – für Energie und Muskelstoffwechsel

  • ggf. andere (z. B. Omega-3, bestimmte Aminosäuren)

Hier gilt:

  • Erst messen, dann gezielt ergänzen – nicht „alles auf Verdacht“.

  • Je nach Situation oral, manchmal – bei klarer Indikation – auch als Infusion,

    etwa wenn Resorption eingeschränkt ist oder schwere Mängel bestehen.

Nährstoffe sind kein Ersatz für Bewegung und Nervensystemarbeit,

aber sie sind oft die biochemische Grundlage, damit diese Strategien überhaupt greifen können.


Stufe 4 – Toxikologie & Umwelt: nur, wenn Ihr Verlauf es wirklich nahelegt

Bei einem Teil der Menschen spielen Umweltfaktoren eine spürbare Rolle:

  • Schimmel in Wohnung oder Büro

  • Schwermetallbelastungen (z. B. beruflich, alte Zahnmaterialien)

  • hormonaktive Substanzen (Pestizide, Weichmacher etc.)

Diese Faktoren können das Immunsystem chronisch reizen, Entzündung und Nervensystemsensitivität mit beeinflussen.

Wichtig ist mir:

  • Keine Panik, kein „Detox-Hype“.

  • Stattdessen: sorgfältige Anamnese, gezielte Tests nur bei Verdacht,

    und ein strukturiertes Vorgehen, wenn tatsächlich etwas Relevantes gefunden wird.

 

Wie eine Zusammenarbeit aussehen kann – in Berlin & online

In meiner Praxis (und per Videosprechstunde) arbeite ich genau so:

  • Verstehen:

    Ihre Geschichte, Ihre Bilder im Kopf, Ihre Befunde – nicht nur MRT & Schmerzskala.

  • Messen:

    gezielte Labore, BIA, HRV, ggf. weitere Marker – nur das, was wirklich Sinn ergibt.

  • Planen:

    ein individueller Plan aus:

    • alltagstauglicher Bewegung

    • Ernährung, die zu Ihrem System passt

    • Stress- & Nervensystemregulation (inkl. Kälte/Wärme, Atem, HRV)

    • regulativen Ansätzen (anthroposophisch, pflanzlich)

    • gezielter Nährstofftherapie – und nur bei klarer Indikation Entgiftung/Toxin-Themen.

  • Dranbleiben:

    Wir schauen gemeinsam, was funktioniert – und was nicht.

    Kein Dogma, sondern iterative Feinjustierung.

Wenn Sie Ihr Rückenschmerzen ganzheitlich angehen wollen, dann lassen Sie uns sprechen 🙂

Sie können mich in Berlin vor Ort sehen, oder in einer

Online-Videosprechstunde, um zu klären, ob und wie ich Sie begleiten kann.

Quellen

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